Rolf Blume text to W.Y.E.S exhibition (German)

What Your Eyes Say – Malerei von KELYNE REIS

18.01.- 10.02.2019, Kunstraum j3fm, Hannover

Die Ausstellung „What your eyes say“ konzentriert sich weitgehend auf die gleichnamige aktuelle Werkgruppe von Kelyne Reis. Um den künstlerischen Zusammenhang mit den anderen Arbeiten von ihr herzustellen, zeigen wir daneben zwei kleinere Arbeiten und den entsprechen-den Katalog ihrer Werkgruppe „Digital embracing“ ( Digitale Umarmung) von 2017, in der sie sich in sehr komplexer Weise mit Bildvariationen durch Verformung und Fragmentierung beschäftigt hat.

Ihr Flyer zur heutigen Ausstellung kündigt Malerei an „inspiriert von Pop-Art, die mit kräftigen Farben, grafischen Formen und flachen Oberflächen spielt“; es handelt sich um ein Zitat von ihrer Galerie in Houston. Tatsächlich sind ihre Arbeiten als eine Art Neo-Pop lesbar.

Die Pop-Art der 60iger Jahre hat damals erstmals die populäre Massenkultur der ‚Wohlstands-gesellschaft‘ künstlerisch verarbeitet, insbesondere die der Leitkultur des ‚American Way of Life‘, Massenprodukte und Alltagsutensilien, die auch als solche weitgehend unverfremdet abgebildet wurden. Berühmt sind:

Andy Warhols Campbell’s-Suppendosen und seine Brillux-Kartons, sowie

Roy Lichtensteins großformatige Malerei nach Comic-Motiven.

Inzwischen ist der Begriff des Pop gattungsübergreifend gebräuchlich (Musik, Mode, Literatur…) und extrem dehnbar, weil er sich aus allen populär werdenden Motiven, Zeichen, Inhalten und Sehnsüchten speist.

In der Malerei war der Bezug zur Warenästhetik sicher prägend. Die historische Pop-Art war aber kein Ableger einer gleichmacherischen Kultur-Industrie. Sie war eine Entscheidung für die Kunst, nicht gegen sie. Sie war vor allem Kritik an einer metaphorischen Überhöhung des tradierten Kunstgegenstandes und ging einher mit der Idee vom Verzicht auf die persönliche künstlerische Handschrift – und sie verstand sich in radikalem Widerspruch zum abstrakten Expressionismus.

Sie war plakativ und damit offen für das Serielle, sowohl in Hinblick auf das Abzubildende, wie Suppendosen, Comics, usw., als auch in Hinblick auf die künstlerische Technik, wie das Siebdruck-verfahren und das „Zooming“, also die extreme Vergrößerung des realen Bildgegenstandes. Interessant ist allerdings, dass z.B. die großen Comic-Reproduktionen von Roy Lichtenstein keine Siebdrucke sind, sondern die Rasterpunkte das nur vortäuschen, tatsächlich von ihm akribisch gemalt wurden. Er hat später auch Werke seiner abstrakt-expressiv malenden Kollegen in gleicher Weise vergrößert und nachgemalt! Die Pop-Art der 60iger Jahre war eben auch immer höchst ambivalent.

Soweit ein kurzer Exkurs zur historischen Pop-Art.

Der eingangs bemühte Begriff des Neo-Pop für Kelyne Reis Arbeiten wird damit im Folgenden sowohl in den inhaltlichen Unterschieden als auch in den formalen Parallelen verständlicher.

Kelyne Reis aktuelle Bildserie „ What your eyes say“ wird bei uns erstmals öffentlich gezeigt; insgesamt sind es sieben, z.T. großformatige Arbeiten, die im ersten Eindruck Siebdrucke vermuten lassen. Wir sehen abstrakte, komplexe, organische Formen und plakative Farben. Die Einzelformen sind durch die Farben klar gegeneinander abgegrenzt und häufig durch zusätzliche feine Linien nochmals betont. Mitunter wirken diese Umgrenzungen wie Schattenlinien. Sie scheinen aus dem Nichts zu kommen, verbreitern sich und verschwinden auch wieder; ihre Farben sind ebenso individuell wie die der großen Flächen. Die strukturelle Verwandtschaft der Bilder lässt die Werkgruppe, bei aller Unterschiedlichkeit, gut erkennen.

Die Malerin spielt mit Formen und Farben. Die Formen werden von ihr zeichnerisch vor-formuliert, die Farben, bzw. die Farbtöne im Malprozess komponiert und im Einzelnen, nach meist mehrfacher Änderung, bzw. Mischung und Übermalung, entschieden. Hauptthema von Kelyne Reis sind die Farben, besser die Farb-Atmosphären, d.h. der unterschiedliche Gesamt-klang im einzelnen Bild.

Die gewählte Hängung in der Ausstellung wird deutlich machen, was mit Farb-Atmosphären gemeint ist; die drei Hauptwände vermitteln sehr unterschiedlichen Stimmungen.

Was sehen wir eigentlich? Wir sehen extrem vergrößerte Variation der menschlichen Iris, künstlerisch verfremdet, doch jeweils die individuelle Iris eines bestimmten Menschen.

Das menschliche Auge ist nicht nur metaphorisch und symbolisch hoch besetzt; es gilt als intensivster sinnlicher Ausdruck nach außen wie nach innen:

„das Fenster zur Seele“; „der böse Blick“; „das Auge Gottes“…um nur einiges zu nennen.

Einigermaßen gesichert ist auch, dass körperliche Verletzungen oder auch Krankheiten signifikante Spuren in der Iris hinterlassen.

Physikalisch ist die Iris die Blende des Auges, sie ist der farbige Ring um die schwarze Pupille.

Die schöne Bezeichnung ‚Iris‘ kommt aus dem Griechischen und bedeutet ‚Regenbogen‘ (Regenbogenhaut). In unserem Zusammenhang sehr passend, spricht die Medizin/Biologie auch von den darin enthaltenen Pigmenten (!), die unsere Augenfarbe bestimmen. Da die Struktur der Iris bei jedem Menschen verschieden ist, wird die Iris-Erkennung, ähnlich dem Fingerabdruck, auch zur Personenidentifizierung genutzt. Diese Iris, bzw. im Plural, diese individuellen Iriden, verbergen sich in den einzelnen Bildern unserer Ausstellung.

Angesichts des Titels „What your eyes say“ stellt sich die Frage, haben wir es mit Abbildern zu tun, gar mit Quasi-Portraits?

Die Antwort bleibt natürlich offen – und würde ganz verschieden ausfallen. Kelyne Reis jedenfalls nennt im persönlichen Gespräch die Bilder häufig mit Namen!

Für uns sind es Abstraktionen im klassischen Sinne. Die vorgegebene Form wird durch Bildaus-schnitt und Vergrößerungen und vor allem mittels der freien, plakativen Farbwahl zur abstrakten Kunstfiguration. Die mehr oder weniger verborgene ‚Gegenwart des Realen’ soll nicht zu einer Rückwendung auf das Vorbild führen, sondern bleibt eingebunden in das organische, abstrakte Formenspiel.

Und so halte ich abschließend fest:

What ever your eyes see now, is ‚what your eyes say‘!

In diesem Sinne, danke an Kelyne Reis und uns allen einen anregenden Abend!

 

 

Rolf Blume, 18.01.2019